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Verdient die Chancengleichheit eine Chance?

Soziale Selektion

“Chancengleichheit“ ist einer der Erfolgsbegriffe in der bildungspolitischen Debatte. Mit ihm fühlen sich alle wohl. Selbstverständlich ist es oberstes Ziel, eines auf sozialen Ausgleich verpflichteten Staates, allen die gleiche Chance auf Glück und Erfolg zu sichern. Historisch ist Chancengleichheit das sprachliche Kind der emanzipatorischen Bildungspolitik in den 1970er Jahren. Sie trägt ein altes Versprechen in sich, nämlich mittels Öffnung und Reform des bundesrepublikanischen Bildungssystem, jedem und jeder, unabhängig von seinen bzw. ihren sozialen und kulturellen Voraussetzungen, eine Chance auf ein Leben im Wohlstand zu geben. Im Vordergrund dieser Bildungspolitik standen die Emanzipation des Einzelnen und der Gesellschaft, die Öffnung der Bildungsgänge und die materielle Sicherung der Bildungswege (Stichwort: BAFÖG). Zwischenzeitlich hat sich die bildungspolitische Landschaft grundlegend verändert – aber nicht der Anspruch auf Chancengleichheit. Heute verortet sie sich in neuen Begriffskonstellationen wie Wettbewerb der Bildungseinrichtungen, elitäre Strukturen im Bildungssystem, Eigenverantwortung der BildungsteilnehmerInnen, Auswahltests und Studiengebühren für Studierende usw. Der Begriff Chancengleichheit hat offensichtlich die Transformation der sozialdemokratischen Gerechtigkeitspolitik in eine neoliberale Wettbewerbspolitik schadlos überlebt. Und erstaunlicherweise erscheint die Chancengleichheit auch für linke Gesellschaftspolitik praxistauglich, so auch in den Gewerkschaften. Dafür muss es Gründe geben. Ein emanzipatorischer Schleier verdeckt den Umstand, dem hier nachgegangen werden soll: Chancengleichheit ist kein progressiver Ansatz zum Abbau sozialer Ungleichheit. Mir geht es nicht um eine Kritik der Wortwahl oder des evtl. Missbrauchs des Begriffs durch neoliberale Bildungspolitik. Auf welche gesellschaftliche Wirklichkeit, auf welche Form materieller Lebensverhältnisse kann der Begriff „Chancengleichheit“ rekurrieren? Begriffskritik ist hier also gleichzeitig Gesellschaftskritik. Der Begriff selbst ist zusammengesetzt aus „Chancen“ und aus „Gleichheit“. Das bedeutet, Chancen-Gleichheit ist nur eine Möglichkeit von Gleichheitspolitik. Wenn andere Formen von Gleichheit denkbar sind, liegt es vielleicht an der Unzulänglichkeit der Chancengleichheit? Im „Lexikon der Politik“ wird unter dem Stichwort Chancengleichheit vermerkt, dass sie „ohne ein Mindestmaß an Ergebnisgleichheit im Hinblick auf soziale Sicherung und gesellschaftliche Teilhabe neue Ungerechtigkeit erzeugt.“ (Nohlen 2004, S. 8131) Ergebnisgleichheit ist also eine Schwester der Chancengleichheit; sie betont einen anderen Aspekt unter dem soziale Gerechtigkeit gefasst werden kann. Bezogen auf Bildungspolitik könnte man sagen: Chancengleichheit betont die Zugangsrechte zu Bildung, Ergebnisgleichheit setzt beim Ergebnis von Bildung an. Und Chancengleichheit hat offenbar selbst ein Problem. Sie schafft neue Ungerechtigkeiten, die ggf. durch eine ergänzende Ergebnisgleichheit gemildert werden müssen.

Warum wird trotz dieses Mankos, die Wirkstoffkombination Chancen und Gleichheit zum bildungspolitischen Medikament erklärt, wenn die Nebenwirkungen so ungerecht sind, dass zur Linderung das Medikament „Ergebnisgleichheit“ benötigt wird? Ein erneuter Blick in das erwähnte Politiklexikon soll helfen: Chancengleichheit wird definiert als „Bestandteil liberaler, an individueller Leistung orientierter Gerechtigkeitsvorstellungen. Das Konzept der C. versucht, die divergierenden Werte Freiheit und Gleichheit kompatibel zu machen, indem allen Bürgern gleiche politische Rechte garantiert und allen Gesellschaftsmitgliedern gleiche Startchancen im ergebnisoffenen Wettbewerb um knappe Güter und Positionen eingeräumt werden.“ (Nohlen 2004, S. 8130)

Das bringt Licht ins Dunkel. Chancengleichheit ist eine liberale und bürgerliche Gerechtigkeitsvorstellung. Es geht: 1. um Startchancen. Diese bedeuten keine Zusicherung eines bestimmten gesellschaftlichen Status, keine Wohlstandsgarantie. Es geht um Chancen die jede/jeder nutzen kann oder auch nicht. 2. Es geht um ergebnisoffenen Wettbewerb. Die Ergebnisse sind somit nicht festgelegt. Sie schwanken je nach Erfolg im Konkurrenzkampf. 3. Es geht um knappe Güter und Positionen. Chancengleichheit ist kein Modell einer gerechten sozialen Verteilung. Positionen und Güter, so wird vorausgesetzt, sind knapp und nicht für alle gleich vorhanden. Es muss um sie gerungen werden. Diese Definition macht deutlich: Chancengleichheit ist eine Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit, die diese in wettbewerblicher und damit marktlicher Form von Freiheit verwirklichen will. Übertragen wir nun diese Gedanken auf die Bildungspolitik.

Wenn es Bildung nur im ergebnisoffenen Wettbewerb zu gewinnen gibt, dann gibt es auch Verlierer. Verlierer, das ist jedoch ein hässlicher Begriff. Er verträgt sich schlecht mit dem gerechten und wohlmeinenden Ziel der Chancengleichheit. Offenbar ist hier ein blinder Fleck in dieser Forderung. Die Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel schreibt dazu, es „stehen … gedanklich immer die im Vordergrund, die dann ihre Chance auch zum Erfolg führt. Dass der Idee der Chancengleichheit selbst bereits der Gedanke immanent ist, dass ein Teil der zu Bildenden die Chance nutzt und ein Teil sie verpasst, … spielt … heute zur Formulierung bildungspolitischer Ziele … keine Rolle.“ (Prengel 1999, 237) Hinter dieser Einteilung der Menschen in Gewinner und Verlierer steht nicht nur der bloße Wettbewerbszwang des bürgerlichen Kapitalismus. Er verbindet sich mit einem spezifischen sozialdarwinistischen Menschenbild. D.h., es erklärt die Menschheitsgeschichte zur Wettbewerbsgeschichte und die Konkurrenz mittels individueller Leistung zur Natur des Menschen. Die bürgerliche Pädagogik hat dafür einen eigenen Begriff entwickelt, der ebenso harmlos daher kommt wie die Chancengleichheit: Den Begriff der „Begabung“. Diese vorgeblichen Begabungen, die qua Geburt Teil der individuellen Natur sind, oder modern gesprochen, Begabungen die genetisch dispositioniert sind, werden als Ausgangspunkt im Wettbewerb angenommen. Sie wirken als naturalistische Zurücknahme (vgl. Koneffke 1969, 410) der Gleichheit. Natürliche Begabungen eignen sich hervorragend, um unterschiedliche Positionen und Besitzungen von angeblich knappen Gütern zu rechtfertigen. Die Chancengleichheit versucht nichts anderes, als diese Begabungen individuell zu fördern und in gleiche Ausgangsposition zu bringen. Aber das Dogma bleibt: Wer verliert, hat es eben nicht im Blut!

Die o.g. Definition beinhaltet noch einen zweiten Gedanken: Bildung sei ein knappes Gut, das im Rahmen von Chancengleichheit zu erstreiten ist. Bildung solchermaßen als Ressource zu verstehen, zu der nicht jeder gleich Zugang haben kann, ist kein der Bildung anhaftendes Prinzip. Bildung wird erst zum knappen Gut, wenn sie auf Fähigkeiten, Fertigkeiten oder Qualifikation reduziert wird. Dann handelt es sich um bestimmbare, über Zertifikate messbare Güter, die der Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt einen Wert geben. Um diese Güter kann es auch einen Wettbewerb geben, der vielleicht durch eine Politik der Chancengleichheit entschärft werden könnte. Aber das ist Augenwischerei, denn selbst eine verwirklichte Chancengleichheit im Bildungssystem hat keine direkten Auswirkungen auf die Chancen in sozialen, kulturellen, politischen oder wirtschaftlichen Lebensbereichen. Das hat die Forschung bereits in den 1970er Jahren erkannt. (Vgl. Jencks 1973) Trotzdem wird Bildung politisch so verhandelt. Ist das alles nur Augenwischerei. Nein! Es gibt einen Widerspruch, dem sich auch die bildungspolitische Debatte nicht entziehen kann.

Unverkürzt strebt Bildung die Selbstbestimmung des Menschen an. Diese Selbstbestimmung durch Bildung ist kein Produkt einer reinen Persönlichkeitsentwicklung. Dazu braucht es materiale Bedingungen: Offene Bildungswege die materiell abgesichert sind mit Essen, Kleidung, Wohnung, kulturelle Güter, verfügbares Einkommen usw. Bildungstheoretisch formuliert hieße Selbstbestimmung „Mündigkeit“. Mündigkeit des Einzelnen ist das Ziel jeder bürgerlichen Gesellschaft. Ja sie braucht mündige Bürger, die selbstbestimmt handeln. Das unterscheidet sie historisch vom Feudalismus. Nur wer mündig ist, kann Verträge am Markt abschließen und eigenständige Entscheidungen treffen – eine unabdingbare Voraussetzung für den bürgerlichen Kapitalismus. Aber Mündigkeit ist kein individuelles Merkmal. Mündig kann ich als Einzelner nur sein, wenn alle mündig sind. Es kann keine mündigen Menschen in einer Gesellschaft geben, in der z.B. alle Menschen selbstbestimmt sind außer zwei Personen. Dann ist Herrschaft gesetzt, also Unmündigkeit!

Verlierer sind in der Regel von vielen materiellen Teilhabemöglichkeiten ausgeschlossen – sie sind objektiv unmündig. Marktförmige Strukturen bauen aber auf Gewinnern und Verlierern auf. Bildung darf daher nicht in Form von Chancengleichheit gestaltet werden. Bildung, als die Voraussetzung von Mündigkeit ist kein knappes Gut, das man im gerechten Wettbewerb gewinnen oder verlieren kann. Das führt sie ins Absurde. Bildung, die Selbstbestimmung und Emanzipation, will ist nur für alle – oder eben für keinen! Das Ziel von Bildung eine Gesellschaft ohne Not und Übervorteilung für alle zu sichern, kann daher mittels Chancengleichheit nicht erbracht werden.

Jörg Schroeder ist Doktorand der Allgemeinen Pädagogik an der TU Darmstadt. Der Artikel ist die gekürzte Fassung eines Vortrages vom 15.02.2005. Er wurde auf dem Treffen der StipendiatInnen-Gruppe Darmstadt der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung gehalten. (www.boeckler.de)

Literatur:

  • Jencks, Christopher: Chancengleichheit. Reinbek b. Hamburg 1973
  • Koneffke, Gernot: Integration und Subversion. In: Das Argument Nr. 54, S. 389-430
  • Nohlen, Dieter: Lexikon der Politik. Digitale Bibliothek Band 79, Berlin 2004
  • Prengel, Annedore: Impulse aus der jüngeren kritischen Theorie für eine Pädagogik der Vielfalt. In: Kritische Erziehungswissenschaft am Neubeginn?!, Frankfurt/M 1999, S. 231-254
Niemand kann frei sein, solange es nicht alle sind.
(Erich Mühsam (1878-1934), deutscher Schriftsteller und Anarchist, Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? 1932)



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