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Bildungsstreik 2009

Die Herkunft entscheidet in Deutschland immer noch maßgeblich über den Zugang zur Bildung. Gerade nach den Ergebnissen der PISA-Studie wollen viele etwas ändern. Nur soll es möglichst nicht mehr kosten.

Die Eltern kann sich niemand aussuchen. Wer das Glück hat, aus einer Akademikerfamilie zu stammen, wird mit etwa 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium besuchen. Dagegen sitzt dort nicht einmal in jeder Klasse ein Kind, dessen Eltern den Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter verdienen. Nur sechs Prozent der Töchter und Söhne von Menschen ohne Schulabschluss werden im Gymnasium eingeschult. Haben die Eltern ein Hauptschulzeugnis, liegt die Quote auch nur bei 15 Prozent. Das belegt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In keinem vergleichbaren Land hängen Bildungsweg und damit Berufschancen so stark vom Elternhaus ab wie in Deutschland. Besonders krass ist die Situation in Bayern, weniger auffällig in den östlichen Bundesländern.

Dieser Trend ist spätestens seit dem PISA-Schock aus dem Jahr 2000 allgemein bekannt. Doch getan hat sich seither wenig. Im Gegenteil. Die Leistungsschere hat sich sogar noch weiter geöffnet, wie ein weiterer internationaler Schülervergleich von Ende vergangenen Jahres zeigt. Weil aber das Durchschnittsniveau in Deutschland dank einiger Fortschritte der Gymnasiasten etwas gestiegen ist, lehnen sich die meisten Kultusminister beruhigt zurück: Wir sind auf dem richtigen Weg.

Rechenkenntnisse auf Grundschulniveau

Viel Geld haben sie investiert in die Entwicklung so genannter Bildungsstandards. Weil die Schulen einen größeren Freiraum bekommen, sollen die Durchschnittsleistungen am Ende der 4. und 9. Klasse gemessen werden. Außerdem haben die Kultusminister sieben Handlungsfelder benannt, auf denen jeder nach eigenen Vorstellungen ackern soll – oder es bleiben lässt. Auf die entscheidende Frage aber sind sie bisher eine Antwort schuldig geblieben: Wie wollen sie verhindern, dass auch künftig ein Viertel der Jugendlichen die Schule verlässt mit Rechenkenntnissen allenfalls auf Grundschulniveau und ohne die Fähigkeit, einfache Texte zu verstehen?

Während in Finnland, dem internationalen Klassenprimus in punkto Bildung, jedes einzelne Kind nach seinen Voraussetzungen gefördert wird, verschärft das deutsche Bildungssystem die unterschiedlichen Voraussetzungen. Das zeigt sich schon bei der Finanzierung. Für die Jüngsten ist am wenigsten staatliches Geld da – obwohl die ersten Lebensjahre die wichtigsten für die Entfaltung der intellektuellen Fähigkeiten sind. Zwar besuchen immerhin 85 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen bis zu vier Stunden am Tag eine Kindertagesstätte. Doch die kostet. 3,2 Milliarden Euro steuern die Eltern für die Unterbringung ihrer Vorschulkinder bei. Dennoch ist die Personalausstattung extrem schlecht: Jede Erzieherin ist für 24 Kinder zuständig, während der OECD-Durchschnitt bei 15 liegt und in Dänemark oder Neuseeland sogar nur fünf bis sieben Kinder auf einen Pädagogen kommen. Weil in Deutschland in vielen Kindergärten nach wie vor mehr Betreuung als Bildung stattfindet und die sozial schwächsten Kinder gar nicht erst auftauchen, kommt ein erheblicher Teil der Abc-Schützen mit unzureichenden Sprachkenntnissen in die Grundschule.

Immerhin gibt es inzwischen in mehreren Ländern kostenlose Vorschulangebote und das Bundesbildungsministerium will zusammen mit einigen Bundesländern ein Sprachförderprogramm für Migrantenkinder auflegen. 12,5 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Doch das wird nicht reichen. Denn zum einen sind auch die Grundschulen in Deutschland finanziell und personell unterdurchschnittlich ausgestattet. Zum zweiten werden die Kinder in fast allen Bundesländern schon nach vier Jahren auf weiterführende Schulen verteilt.

Dieser Trend zur frühen Auswahl hat sich in den vergangenen Jahren in mehreren Ländern sogar weiter verschärft: Bremen, Niedersachsen und de facto auch Hessen haben die Orientierungsstufen in der 5. und 6. Klasse abgeschafft. Das dreigliedrige Schulsystem gilt insbesondere in CDU-regierten Ländern als unverletzlich.

Aber es gibt auch gegenläufige Beispiele: Mecklenburg-Vorpommern hat die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg auf den Übergang von der 6. zur 7. Klasse verlegt. Und Schleswig-Holstein will als erstes Land eine Gemeinschaftsschule bis zum Ende der Schulzeit einführen. Dagegen ist die mögliche Zusammenlegung von Haupt- und Realschulklassen in Thüringen weniger einer pädagogischen Einsicht aus PISA geschuldet als den rasant sinkenden Schülerzahlen. Klar ist nämlich, dass die Gymnasiasten auf jeden Fall außen vor bleiben sollen. Sind die Kinder auf weiterführende Schulen verteilt, verschärft der Staat die ungerechte Chancenverteilung weiter. Ein Gymnasiast der Oberstufe kostet den Steuerzahler etwa doppelt so viel wie ein Hauptschüler. Erst von der 11. Klasse an erreicht Deutschland im internationalen Vergleich Spitzenwerte bei der Finanzierung. In allen Bildungsbereichen davor liegt es deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

Wenig Wertschätzung für die Lehrer

Auch in den Lehrergehältern spiegelt sich die Wertschätzung wider: Wer am Gymnasium unterrichtet, verdient nicht nur deutlich mehr und hat weniger Unterrichtsstunden als die Kollegen auf anderen weiterführenden Schulen. Er kann auch Jugendliche, die nicht mitkommen oder stören, in eine niedrigere Klasse oder auf die Real- oder Hauptschule abschieben. In Finnlands Gemeinschaftsschulen existieren solche Möglichkeiten nicht – mit gutem Erfolg für das Durchschnittsergebnis und dennoch ohne Nachteil für die Klassenbesten, wie internationale Studien belegen.

Dass sich angesichts dieser Voraussetzungen an deutschen Universitäten nur wenige Kinder von Nichtakademikern tummeln, kann ebenso wenig verwundern wie die Tatsache, dass hierzulande nur 36 Prozent eines Jahrgangs ein Studium beginnen; in Skandinavien sind es doppelt so viele. Zwar ist die Quote in den letzten Jahren gestiegen. Weil aber immer weniger Kinder nachwachsen, rechnen die Kultusminister mit dramatisch einbrechenden Akademikerzahlen. Dass sie mit ihrer Schulpolitik etwas dagegen tun könnten, kommt ihnen offenbar nicht in den Sinn.

Fazit: Nach PISA ist im deutschen Schulwesen mehr passiert als in den Jahrzehnten zuvor. Doch vieles, wie die Einführung des Abiturs nach der 12. Klasse, hat nichts mit PISA zu tun. Dagegen ist das zentrale Merkmal des deutschen Schulsystems konstant geblieben: Aussortieren, Durchfallen lassen, Herabstufen. Für die Reformpolitik gilt: "Zentrales Thema verfehlt. Mangelhaft.



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