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Elite und Masse

Soziale Selektion

Wenn die deutsche Bevölkerung zu Eliten befragt wird, so reagiert die Mehrheit nach wie vor eher skeptisch. Obwohl das politische und mediale Dauerfeuer inzwischen Wirkung zeigt und die Zustimmung zu Eliteschulen und -universitäten deutlich gestiegen ist, verbindet die Mehrzahl der Bundesbürger mit dem Begriff Elite noch immer in erster Linie ungerechtfertigte Privilegien (wie zum Beispiel die horrenden Gehälter und Abfindungen in den deutschen Vorstandsetagen), Abgehobenheit, Arroganz der Macht et cetera. Man denkt an Personen wie die ehemaligen Vorstandschefs von Mannesmann und der Bundesagentur für Arbeit, Klaus Esser und Florian Gerster. Die Menschen zeigen damit ein gutes Gespür für den Kern dessen, was Elite in der Realität bedeutet. Entgegen den Beteuerungen der meisten Politiker, Manager und Medienvertreter handelt es sich bei Eliten nämlich nicht einfach um die Leistungsstärksten eines jeden gesellschaftlichen Sektors. Das in diesem Zusammenhang immer wieder verwendete Beispiel vom Spitzensport führt in die Irre. Im Sport zählt man, lässt man Doping und Ähnliches einmal außer Acht, in der Regel auf Grund seiner individuellen Leistung zur Spitze. Damit ist keine dauerhafte soziale Stellung in der Gesellschaft verknüpft. Deshalb wird normalerweise ja auch von Spitzensportlern und nicht von der Sportelite geredet. Ein Leichtathlet, dessen Körper den Belastungen nicht stand hält, ist ebenso schnell wieder unten, wie er oben war. Genau das ist bei den wirklichen Eliten in Wirtschaft, Verwaltung, Justiz, Wissenschaft und Justiz anders. Sie gehören qua Position und zumeist auch qua sozialer Herkunft relativ dauerhaft zu den so genannten besseren Kreisen der Gesellschaft. Ein Vorstandsvorsitzender wie etwa Klaus Esser kann nach dem Verlust seiner Position nicht nur mit sehr großzügig bemessenen Abfindungszahlungen rechnen, er bleibt, in diesem Falle als Partner einer international tätigen Beteiligungsgesellschaft und Mitglied mehrerer Aufsichtsräte, zumeist auch Mitglied der deutschen Wirtschaftselite. Als Elite kann man deshalb, ganz allgemein formuliert, nur solche sozialen Gruppen bezeichnen, die zum einen Herrschaftspositionen bekleiden, die ihnen einen wirklichen Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ermöglichen, und zum anderen ein gewisses Maß an sozialem Zusammenhang und zeitlicher Kontinuität aufweisen. Auch wenn das Ausmaß an Herrschaftsausübung sicherlich stark variiert, zum Beispiel bei einem Spitzenmanager oder Oberlandesgerichtspräsidenten erheblich stärker ausfällt als bei einem Institutsleiter an einer Universität, so bleibt die Besetzung solcher Positionen doch charakteristisch für die Elitenzugehörigkeit. Gesellschaftliche Eliten werden, von wenigen Ausnahmefällen wie etwa landesweit bekannten Literaten oder Journalisten abgesehen, gesellschaftliche Prozesse in erster Linie mittels ihrer Herrschaftspositionen beeinflussen. Sportler oder Medienstars zählen deshalb in der Regel auch nicht zu den wirklichen Eliten, egal wie häufig sie in den einschlägigen Journalen und Sendungen auch vorkommen.

Das Elternhaus entscheidet

Schaut man sich die deutschen Eliten zu Beginn des dritten Jahrtausends unter diesem Gesichtspunkt näher an, so fallen vor allem drei Aspekte ins Auge: der Umfang der Selbstrekrutierung, die spürbare Entparlamentarisierung von politischen Entscheidungsprozessen und die Neubewertung des Begriffs Elite. Was den ersten Punkt betrifft, so weist die soziale Rekrutierung der Eliten eine hohe Stabilität auf. Obwohl es in der Verwaltung und der Justiz eine leichte und in der Wissenschaft sogar eine spürbare soziale Öffnung gegeben hat, stammen heute wie schon in den letzten Jahrzehnten mehr als vier von fünf Topmanagern, fast zwei von drei Angehörigen der Verwaltungs- und Justizelite und gut jedes zweite Mitglied der Wissenschaftselite aus dem Bürgertum, das heißt, den oberen 3,5 Prozent der Bevölkerung. Der Nachwuchs des Großbürgertums ist in Relation zu seinem Bevölkerungsanteil von 0,5 Prozent sogar noch weit stärker überrepräsentiert. Einzig in der Politik findet man überwiegend soziale Aufsteiger, ein Resultat der als Ochsentour bekannten Aufstiegsmechanismen in den beiden Volksparteien CDU/CSU und SPD. Der Anteil der Bürgerkinder steigt allerdings auch hier. So finden sich unter den einflussreichen Politikern der jüngeren Generation erstaunlich viele Anwaltssöhne, wie die Beispiele März, Koch und Westerwelle zeigen. Insgesamt bleibt es dabei, dass das"richtige" Elternhaus für den Zugang zu den Eliten entscheidend ist. Auch bei gleichen Bildungsabschlüssen und gleichen Leistungen sind die Chancen für den Nachwuchs des Bürger- und vor allem des Großbürgertums teilweise bis zum Zehnfachen größer als für die Kinder der Normalbevölkerung. Die gemeinsame bürgerliche Herkunft schafft auch die Basis für einen sektorübergreifenden Konsens zwischen den verschiedenen Teileliten. Die große Mehrheit der deutschen Eliteangehörigen teilt über alle Bereichsgrenzen hinweg die grundlegenden Werte, Einstellungen und Handlungsmaximen des Bürgertums. Das sorgt im Kern für gegenseitiges Verständnis, Vertrauen und Einvernehmen. Die Kontinuität in der sozialen Rekrutierung der Eliten darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es parallel zum Umzug von Bonn nach Berlin auch zu einigen spürbaren Veränderungen gekommen ist. Oberflächlich zu erkennen sind vor allem zwei Entwicklungen: der rasante Machtverlust des Parlaments und der gleichzeitige Bedeutungsgewinn von Wirtschaft und Medien, externen Sachverständigen und Lobbyisten. Bei politischen Entscheidungen spielt der parlamentarische Prozess eine immer geringere Rolle. Sie werden mehr und mehr geprägt durch mediale Inszenierungen (die Runde bei Christiansen und nicht das Parlament als Hauptschauplatz politischer Diskussion), Sachverständigenausschüsse (wie Hartz- und Rürup-Kommission) und Aktivitäten von Stiftungen wie dem CHE (Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmann-Stiftung und der Rektorenkonferenz) als quasi inoffiziellem Nebenministerium für Bildung und Wissenschaft. Diese Entparlamentarisierung der Republik geht nicht nur Hand in Hand mit einem enorm gewachsenen Einfluss der Wirtschaft in der Politik, sie erklärt sich zu

großen Teilen auch daraus. Da Gegenkräfte in der Gesellschaft (wie vor allem die Gewerkschaften, aber auch außerparlamentarische Bewegungen) entscheidend an Einfluss verloren haben, kann das Parlament an den Rand gedrängt, können Entscheidungsprozesse in kleinen Zirkeln konzentriert werden. Die bürgerlichen Eliten treffen die wesentlichen Entscheidungen lieber im intimen Kreis zusammen mit einigen wenigen Spitzenpolitikern. Der jüngst von Bundeskanzler Schröder einberufene Ideengipfel zum Thema Bildung und Wissenschaft ist ein typisches Beispiel. Mehrheitlich wurden dazu nicht etwa Wissenschaftler, sondern Vertreter von Großkonzernen und Unternehmensberatungen eingeladen. Für die erforderlichen parlamentarischen Mehrheiten sorgen dann die Disziplinierungsinstrumente der Parteien. Schema von oben und unten Was sich in den letzten Jahren ebenfalls deutlich geändert hat, das ist der Umgang mit dem Wort Elite. War dieser Begriff lange Zeit, zumindest offiziell, eher verpönt, so reklamiert ihn auf einmal selbst die SPD für sich. Er wird in der politischen Debatte zum Synonym für das, was unserer “eingefahrenen, lahmen Konsensgesellschaft” nach Ansicht der maßgeblichen Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Medien fehlt, klare Führung Menschenrechte sind nicht abstrakt 3 durch dazu auserwählte Personengruppen. Unter der Hand schleicht sich damit ein Bild von Gesellschaft in die öffentliche Diskussion ein, das zutiefst undemokratisch ist. Wer die Notwendigkeit gesellschaftlicher Eliten propagiert, der denkt Gesellschaft letztlich in einem unüberwindbaren, quasi naturgesetzlich verankerten Schema von Elite und Masse, oben und unten. die zunehmende Spaltung der Gesellschaft wir mit dem Hinweis auf die unverzichtbaren “Leistungseliten” politisch legitimiert.

VON MICHAEL HARTMANN

Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, macht sie vor aller Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen.
(Joseph Pulitzer)



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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