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Ein Plädoyer für die Gesamtschule

ZDFonline: Was halten Sie von der Idee, ähnlich wie in den laut PISA-Studie erfolgreichen EU-Nachbarländern, die Schüler mindestens neun Jahre lang zusammen zu unterrichten, statt sie schon nach vier Jahren Grundschulzeit zu selektieren?

Michael Hartmann: Das wird dringend nötig, da alle Experten wissen, dass das deutsche dreigliedrige Schulsystem ein Anachronismus ist. Das heißt, es ist nicht nur negativ zu bewerten, weil es sehr früh sozial selektiert, sondern sondern auch deshalb, weil die Hauptbegründung für die frühe Auslese sich als falsch herausgestellt hat: dass mit dem dreigliedrigen Schulsystem leistungshomogene Klassen entstehen, die für die stärkeren Schüler dann auch bessere Bedingungen schaffen. Die Leistungshomogenität ist nicht zum Vorteil geworden, sondern eher zum Nachteil.

ZDFonline: Ab welchem Alter kann man Ihrer Ansicht nach überhaupt realistisch beurteilen, welches Potenzial ein Kind hat?

Hartmann: Die Praxis, erst nach der Mittelstufe zu trennen, wie es in allen anderen Ländern der Fall ist, halte ich für sinnvoll – denn erst dann wird erkennbar, für welchen weiteren Bildungsweg ein Kind geeignet ist. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die belegen, dass der Zeitpunkt wie er bei uns gewählt ist, viel zu früh ist. Gerade für die sozial benachteiligten Schüler aus so genannten bildungsfernen Familien erfolgt die Trennung sehr früh, weil diese Kinder ja besonders lange Zeit brauchen, sich entwickeln zu können. Sie müssen in der Schule all das nachholen, was sie von der Familie an Bildung nicht mitbekommen haben.

ZDFonline: Ist es richtig, dass die soziale Herkunft in Deutschland im internationalen Vergleich den Bildungsweg am stärksten beeinflusst?

Hartmann: Das gilt für die Breite. Wenn man sich mal die Schulen in den USA anschaut, ist es schon ein Unterschied, ob die Schule in der Bronx oder in einem wohlhabenden Vorort von New York steht. Aber in der gesamten Breite ist der Zusammenhang in Deutschland am engsten, da hier gesamte Jahrgänge sehr früh selektiert werden.

ZDFonline: Was halten Sie von der Aussage der CDU-Bildungsexpertin Katherina Reiche, mit “Gleichmacherei” sei keine Qualitätsverbesserung zu erreichen?

Hartmann: Beim Argument mit der “Gleichmacherei” ist immer mit dem Vorteil leistungshomogener Klassen argumentiert worden. Gerade das ist ja inzwischen widerlegt. Die “Gleichmacherei” führt nicht dazu, dass die Spitze der Schüler schlechter wird – wenn man sich die ganzen skandinavischen Länder anschaut, ist genau das Gegenteil der Fall.

ZDFonline: Die Gesamtschulen in Deutschland haben ein schlechtes Image. Monika Hohlmeier (CSU) kritisierte den “miserablen Zustand” der Gesamtschulen. Auch Erwin Teufel (CDU) erklärte, es sei seit Jahren erwiesen, dass Einheitsschulen den Schülern nichts nützten. Was halten Sie von der Kritik?

Hartmann: Als etwa in Schweden Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre die Gesamtschulen eingeführt wurden, hat man nicht den Fehler gemacht, die Gesamtschulen neben den Gymnasien zu installieren, sondern man hat die Gymnasien durch die Gesamtschulen ersetzt. In Deutschland hat man in den Ländern, die Gesamtschulen eingeführt haben, die Gymnasien weiter existieren lassen. Die Eltern aus gutbürgerlichen Familien schicken so ihre Kinder weiter auf die Gymnasien und die Gesamtschulen nehmen den Rest auf. Da man so den Gesamtschulen die Schüler aus Familien mit besseren Vorraussetzungen entzieht, können die Gesamtschulen in der Konkurrenz nicht mithalten – und das führt zu dem schlechten Image der Gesamtschulen. In anderen Ländern gibt es diese Konkurrenz nicht – sondern eben nur ein System: das der Gesamtschule für alle, nicht nur für den Rest.

ZDFonline: Die hessische Kultusministerin Karin Wolff lässt die Beanstandungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Bildung in Deutschland für ihr Bundesland nicht gelten. Die Kritik der OECD-Studie sei “destruktiv und haltlos”.

Hartmann: Das Problem aller CDU geführten Länder ist, dass sie eigentlich, wenn man die Studien ernsthaft betrachtet, über ihre dreigliedrige Schulpolitik nachdenken müssten. Das wollen sie nicht aus einer Reihe von Gründen, vor allem auch politischen Gründen. Also müssen sie die Studie als solche in Frage stellen. Nun kann man an den Studien sicherlich das eine oder andere kritisieren, trotzdem kann man Kernergebnisse nicht einfach ignorieren. Es wird im Augenblick versucht, den strukturellen Aspekt der Untersuchungsergebnisse wegzuwischen und zu sagen, es sei zu wenig Disziplin da, die Lehrer müssen sich mehr anstrengen und so weiter. Wenn man sich die Ergebnisse genau ansieht, kann man über den strukturellen Aspekt nicht hinwegsehen.

ZDFonline: Die Ministerin betonte auch, die CDU-Landesregierung werde im nächsten Jahr 30 Millionen Euro zusätzlich in die Bildung investieren, um Hessen zum “Bildungsland Nummer 1” zu machen.

Hartmann: Diese Investitionszusagen – das habe ich in Hessen schon häufiger erlebt, und ich bin skeptisch geworden. Was die Kultusministerin zusagt, muss noch längst nicht durch das Kabinett gehen. Ein Beispiel: Was die Versorgung mit Lehrern angeht, hat die Landesregierung versprochen, es werde keine Fehlstunden mehr geben – die Realität ist eine andere.

Zu den 30 Millionen denke ich: So was kann man schnell sagen, die Realität wird anders aussehen. Was man jetzt in Hessen macht, ist genau das Gegenteil von zweckmäßiger Schulpolitik – man schafft die letzten Reste von gemeinsamer Schulzeit ab, nämlich die Orientierungsstufe bis zur 6. Klasse. So wird die Dreigliedrigkeit verschärft, was völlig unsinnig ist.

Die Stärke der Linken kann heute genau in diesen kleinen konkurrierenden Protestgruppen liegen, die an vielen Stellen gleichzeitig aktiv sind, in einer Art von politischer Guerillabewegung im Frieden oder im sogenannten Frieden, aber - und das ist, glaube ich, der wichtigste Punkt - in kleinen Gruppen, die sich auf lokale Aktivitäten konzentrieren und in denen sich das ankündigt, was aller Wahrscheinlichkeit nach die Basisorganisation des libertären Sozialismus sein wird, nämlich kleine Räte von Hand- und Kopfarbeitern - von Sowjets, wenn man dieses Wort noch benutzen kann und nicht daran denkt was mit den Sowjets tatsächlich passiert ist -, etwas, das ich, und das meine ich ganz ernst, als organisierte Spontaneität bezeichnen würde.
(Herbert Marcuse)



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